Journalisten und Politiker, lernt erstmal Studien zu lesen

Journalisten und Politiker, lernt erstmal Studien zu lesen

Ich bin darauf gekommen, weil Johannes gestern einen Artikel auf der mafolution gepostet hat, der sich auch mit Verantwortung für Studienergebnisse befasst.

Betreuungsgeld? Richtig, das zum 1.8.2013 eingeführte Betreuungsgeld sichert Eltern 150 € im Monat, wenn sie sich um die Kinderbetreuung selber kümmern, also weder Kita noch Krippe in Anspruch nehmen.

Bei einem dermaßen ideologisch und parteipolitisch aufgeladenem Thema wie dem Betreuungsgeld in Deutschland verwundert es nicht, dass die Berichterstattung ausführlich und medienübergreifend passiert. Umso besser, wenn die Medien dann auch Zahlen zum Erfolg / Misserfolg in der Umsetzung der Maßnahme berichten können, dann wird eine gute und griffige Schlagzeile draus.

Nicht wenige Medien haben sich auf die Ergebnisse der Studie gestürzt, die jüngst vorgestellt wurde. Hiernach ist ein Jahr nach Einführung des Betreuungsgelds zu beobachten, dass die schlimmsten Befürchtungen der politischen Kritiker anscheinend bestätigt wurden. Das Betreuungsgeld hält bildungsferne Gruppen und Familien mit Migrationshintergrund davon ab, ihre Kinder in die Kita zu schicken. Der Auszug aus dem Abschlussbericht vom Deutschen Jugendinstitut (download, heute) kommt ja zu dem Schluss:

„Das Betreuungsgeld erweist sich für Familien besonders attraktiv, die eine geringe Erwerbsbeteiligung aufweisen, eher als bildungsfern beschrieben werden können und einen Migrationshintergrund haben.“ (Seite 3)“

Denn es ist ja alles ganz anders. Die Feldzeit lag vor der Einführung des Betreuungsgelds und wird im Bericht mit Anfang April bis Juni 2013 angegeben. Es handelt sich also nicht um Aussagen von Antragstellern bzw. Beziehern von Betreuungsgeld sondern um Angaben von Eltern, die gebeten wurden zu sagen, was sie vielleicht tun werden in der Zukunft. Und wie wir wissen ist es damit nicht so weit her, dass man alles tut, was an in einer Befragung angibt tun zu werden. Aber die Medien berichten von dem vermeintlichen Fakt, dass das Betreuungsgeld die Chancengleichheit verletzt. Und Politiker sehen sich bestätigt in ihren Vorbehalten und führen genau diese Studie als Beweis an.

Ich weiß nicht genau, ob es zu viel verlangt ist sowohl von Politikern als auch von Journalisten, eine Studie richtig zu lesen. Sie müssten zumindest die PMs verifizieren und mal überprüfen, die sie lautstark veröffentlichen, auch und besonders wenn Zahlen darin vorkommen.

Wie kann es nur soweit kommen? Mängel in der Ausbildung? Zu wenig Zeit? Zu bequem? Keine Erfahrung im Lesen von Zahlen? Politische Instrumentalisierung?

Die fehlende Kompetenz schockiert mich ehrlich gesagt enorm. Schlimm, wenn dann Report Mainz im Fernsehen einen Professor zu Wort kommen lassen muss, um das klar zu stellen, was jeder Erstsemester merken müsste. Fazit von Prof. Stefan Sell: „Es handle sich um eine unzulässige politische Instrumentalisierung einer pseudowissenschaftlichen Studie“.

Mittlerweile hat sich das Deutsche Jugendinstitut aufgefordert gefühlt, eine Stellungnahme zu veröffentlichen. Darin heißt es nun u.a.

„Die Studie war damit nicht retrospektiv auf elterliches Verhalten, sondern auf künftige elterliche Betreuungsbedarfe ausgerichtet.“

Immerhin, vielleicht verstehen das ja die Journalisten und Politiker. Man hofft, so lange man lebt… 

 

Berichte darüber hat reportmainz.de, da gibt es mehr Informationen auch zum politischen Umgang mit dem Betreuungsgeld. Und ja, das sind auch Journalisten, klar…

Kommentar verfassen