Tot oder lebendig, egal. Marktforschung muss sich strecken…

Tot oder lebendig, egal. Marktforschung muss sich strecken…

Endlich mal eine sehr gute Kolumne auf marktforschung.de, noch besser als die anderen.
Der Umgang mit Social Media und Social Media Marketing durch die Marktforschung war (wieder mal) das Thema. Und ich glaube, die Kolumne sollte Mut machen, indem sie Angst vor allzu großer Veränderung nimmt.

Aber eine Sache habe ich auch nach mehrmaligem Lesen nicht ganz verstanden:
Wie kommt dieser Turn der Argumente zustande von einer m.E. richtigen Situationsbeschreibung (Ich mag den Ausdruck „erstaunlich konservative Ader“) zu diesem Push einer „Alles wird gut“ bzw. „Alles ist nicht so schlimm“-Stimmung? Wer kann mir auf die Sprünge helfen?

Vielleicht bleibt mehr gleich in unserem täglichen Arbeiten, unseren Methoden und Herangehenweisen als sich daran ändert, kann sein, wer weiß das schon.

Aber dass sich etwas ändern muss, liegt m.E. auf der Hand. Können wir die vom Oliver aufgenommene Frage „Wer, wenn nicht wir?“ wirklich so selbstbewusst beantworten? Und kommen unsere Kunden und Auftraggeber zu der gleichen Antwort auf diese Frage wie wir?
Meine Antwort ist: Nicht unbedingt!

Was ich schon Ende 2009 gesagt habe, glaube ich immer noch. Das Thema Social Media ist technologisch und methodisch eine Herausforderung an uns, keine Frage.
Aber es ist auch und vielmehr eine Herausforderung an die Positionierung der Branche. Denn durch Social Media wird deutlich, dass diese nicht mehr stark genug ist, nicht mehr bei allen unseren Kunden, nicht bei uns selber (warum braucht es sonst diese „Weckruf-Beruhigungs-Kolumne“) und schon gar nicht bei unseren alten und neuen Konkurrenten aus Beratung und Marketing.

Ja, wir sind alle „Versteher“, die Oliver aufzählt, alles richtig (mal besser, mal schlechter).

Aber sind wir auch „Markteting-Versteher“, wenn Marketing kein Bestandteil unserer Ausbildung ist? Und reicht „Verstehen“ überhaupt aus heutzutage? Und was ist mit Unterstützung bei der Umsetzung? Sind wir auch „Umsetzer-Versteher“? Und wenn nein, warum eigentlich nicht? Oder sind wir „Konkurrenz-Versteher“? Wir sagen unseren Kunden alles Mögliche über ihre Märkte, aber mit der Definition und Beobachtung unsere eigene Kategorie tun wir uns so schwer.

„Zukunft braucht Herkunft“, das gefällt mir gut, von mir aus gerne.
Aber das Festhalten an der Herkunft darf nicht bedeuten, dass wir versuchen alle herkömmlichen Modelle, Methoden und Ansprüche den neuen Herausforderungen überzustülpen. Denn das wird nicht funktionieren. Albert Einstein war es, der gesagt hat: „The definition of insanity is doing the same thing over and over again and expecting different results“

Interessant auch, dass „das Wort“, also die Kolumne weiter getragen wird, auch über eben die Social Media Kanäle. Also Augen auf: wir tun es auch, wie so viele andere. Social Media bestimmt auch unsere Interaktion mit.

Daher würde ich es eher – frei nach Frank Zappa – so beschreiben: „Market Research isn’t dead. It just smells funny.“

2 Comments On This Topic
  1. Christian
    8 years ago

    Lieber Oliver,

    erst mal ein dickes Sorry, dass das mit dem Freischalten hier so lange gedauert hat. Aber ich war tatsächlich mal ein paar Tage ohne Internet in Skandinavien unterwegs, soll ja vorkommen 😉

    Danke, vielen Dank für deinen Kommentar hier. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir im Grunde das gleiche denken. Auch wenn wir uns für unterschiedliche Facetten unterschiedlich stark interessieren bzw. unser Marktforscher-Herz schlagen hören.

    Denn das Größte für mich wäre in der Tat eine Diskurs-Kultur. Und Social Media könnte hier eigentlich ein perfekter Katalysator sein. Nur das funktioniert ja so nicht wirklich (Anhaltspunkte für die Gründe hatten wir letztes Jahr mal in der FOYER Eigenstudie angefangen zu elaborieren: http://bit.ly/foyerstudie).
    Auch, weil wir uns immer noch zu sehr verstecken.

    Aber auch, weil wir noch nicht wissen, wie denn „Social Media Research“ (jetzt mal als Überbegriff gemeint) in unseren traditionellen, geschichtsträchtigen und standesrechtlich pico-bello geputzten Methodenkanon passt.

    Das wäre ja auch nicht ganz so schlimm, wenn (jetzt kommt der mir wichtigste Punkt) andere Player hier nicht viel viel schneller sind und uns in der Deutung von Social Media Inhalten das Wasser abgraben. Und – rumms – schon hat die Marktforschung eine weitere Chance zur Positionierung verpasst.

    Verstehen ist das eine, aber Vermitteln und Anwenden eben auch das andere. Denn dass wir das können, kein Zweifel daran!!! Wir müssten uns nur mal trauen…
    Dann fragen die Kunden das vielleicht auch mal bei uns nach…

    Also, es wird nichts automatisch gut, wir müssen uns schon darum kümmern. Und der offene Austausch ist auch hier der beste erste Schritt…

    In diesem Sinne auf bald!
    Christian Dössel

  2. Oliver Tabino
    8 years ago

    Lieber Christian,
    ich glaube (und ich benutze dieses Wort ganz bewusst), dass niemand wissen kann, wohin und wie sich unsere Branche entwickeln wird. Ob Alles gut wird, werden wir sehen.
    Das heisst für mich, dass, um in deiner Metapher zu bleiben, die Streckrichtung auch noch nicht 100% klar ist. Ich sehe meine Kolumne nicht so sehr als „Weckruf-Beruhigungs-Kolumne“, sondern ich persönlich finde, dass wir uns weder verstecken brauchen, noch verstecken sollten.
    Social Media ist ein Zukunftsmarkt, wieso diesen nicht auch einfordern und besetzen, denn viele aus der Mafo-Branche haben die Kompetenzen dafür. Und, wenn Mafo ein wenig komisch oder seltsam riecht, dann sage ich: schön! Dann kommt endlich Bewegung in die Branche und wir kommen vielleicht zu einer Diskurs-Kultur, die uns Alle weiterbringt. Denn, wenn Alles normal und eintönig riecht, wäre das furchtbar.
    Ich bin vollkommen deiner Meinung, dass wir uns mit neuen Methoden und Haltungen auseinandersetzen müssen, aber eine Komponente oder Variable wird konstant sein – auch im Zeitlalter von Social Media: Wir haben es mit Menschen zu tun. Und deswegen geht es darum Menschen zu verstehen. Was wir daraus für die Umsetzung lernen, ist etwas Anderes, aber sicherlich ein weiteres, spannendes Feld für die Zukunft (mit hoffentlich vielen fruchtbaren Diskussionen).
    Viele Grüße und bis bald, Oliver Tabino

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